Woche 9: Wenn einem das Abschalten nicht wie erwartet gelingt …
Wer hat das nicht auch schon erlebt, dieses Spannungsfeld von froher Erwartung und dem tatsächlichen Eintreffen eines Erlebnisses?
Ivo Reich hat seinen Lebensraum für die Auszeit in den Ferien verlagert auf die Insel – wo er Entspannung, Abschalten und neue Energie erwartet hat. Zurück aus seinen Ferien, berichtet er über eine gewisse Enttäuschung bezüglich des erwarteten Effekts des Abschaltens. Daraus schöpft er eine Reihe von substantiellen professionellen Fragen:
- Was bedeutet es für die professionelle Rolle und Tätigkeit, wenn ich selber nicht zu der Erholung gekommen bin, die ich eigentlich bräuchte, um wieder voll einsatzfähig zu sein?
- Wie manage ich das Spannungsfeld zwischen rationalen und emotionalen Aspekten? Wie wirken diese auf meine Arbeit mit Menschen und dem Team?
- Wie viel Privates braucht es in der Arbeit, damit ich auch für andere als Mensch authentisch bleibe?
Ivo Reich bezeichnet diese Spannungsfelder zu Recht als „Gratwanderung“. Das ist und bleibt es tatsächlich, weil diese Spannungsfelder zu den sogenannten professionsbedingten Paradoxien gehören, um nur einige zu nennen: das Spannungsfeld von Nähe und Distanz, Emotion und Rationalität, Erwartung und Enttäuschung, usw.
Wolfgang Schmidbauer hat in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem Titel „Hilflose Helfer“ das sogenannte Helfersyndrom beschrieben, welches, etwas kurz und plakativ gesagt, entsteht, wenn sich Professionelle für andere verausgaben, ohne sich der eigenen Bedürfnisse und Motivlagen bewusst zu sein – und deshalb ihre eigene Bedürftigkeit und Problematik auf ihr Gegenüber projizieren. Diese Erkenntnis, welche sich zum Teil aus der Psychoanalyse (Übertragung und Gegenübertragung) entwickelt hat, wurde als Anlass für die Diskussion der professionellen Rolle in der Sozialen Arbeit genommen.
Zur Entwicklung der professionellen Rolle gehört genau das, was Ivo Reich hier tut, nämlich sich bewusst zu werden, welche Bedürfnisse und Motive ihn steuern, wie die eigene Emotionalität im beruflichen Kontext wirkt – und dass sie wirkt! Dazu die Frage, wie steuere ich das im beruflichen Kontext? Das, was Ivo hier schildert, nämlich seine Auseinandersetzung damit, wie er sich selber als (private) Person zeigen soll und darf, bezeichnen wir in der Ausbildung oft mit „Umgang mit selektiver Offenheit“, das heisst: im Vorfeld, und das ist die rationale Seite, überlegen wir uns, was ist meine Rolle, meine Aufgabe, welches sind die beteiligten Menschen mit ihren Bedürfnissen, und dann, wie Ivo sagt: „ sich bewusst zurück nehmen …. und sich selber bleiben … das gelingt einem manchmal besser und manchmal schlechter.“
Die Auseinandersetzung mit Rolle, Selbst- und Sozialkompetenz ist auch Teil des Rahmenlehrplans der FHS St. Gallen, Fachbereich Soziale Arbeit; Sozial- und Selbstkompetenz ist Bestandteil der Methodenkompetenz – und führt angereichert durch die Praxiserfahrung zu professioneller Handlungskompetenz. Zur Selbstkompetenz gehört insbesondere auch die Fähigkeit, für sich selber sorgen zu können, sich angemessen eingeben und abgrenzen zu können.
Aus einer „Enttäuschung“ so viele wichtige Ansatzpunkte für professionelle Reflexion zu schöpfen, dies ist meines Erachtens eine nachhaltige Quelle für Entwicklung, auch wenn sich die emotionale Seite etwas mehr Freude und Glück aus dem erlebten Raum auf der Insel gewünscht hätte …
Rosmarie Arnold, Dozentin FHS