Sozialpädagoge in Ausbildung im Blickfeld einer Ausbildnerin 8 | 52

Woche 8: Sozialraum / Lebensraum

Raum hat nahezu unendlich viele Gesichter. Ich habe täglich mit grosser Freude, manchmal Betroffenheit, manchmal fast Rührung die inzwischen auf  55 angewachsenen Raumgeschichten des Teilprojektes «365» gelesen. Wie definieren 365 verschiedene Menschen Lebensraum, was ordnen sie diesem zu und was ist ihnen wichtig? Was ist ihnen wichtig bei der Frage:

Was ist mein Lebensraum, was zeichnet meinen Lebensraum aus?; Wie definiere ich meinen Lebensraum?; Was bedeutet mir mein Lebensraum?;Welches Ereignis, welche Erfahrung verbinde ich mit meinem Lebensraum?

Mir fällt auf, dass solche Fragen zum Begriff „Lebensraum“ eher positive Erinnerungen, Fantasien hervorrufen, dass der Begriff anregt zum Träumen, sich zu überlegen, was man mit Raum eigentlich alles anstellen kann, dass man ihn gestalten kann, ausgestalten, verändern, erkunden, verlassen, teilen. So heisst es in der Beschreibung zum dieswöchigen Videoclip, dass unser Sozialraum „aus einer individuellen Perspektive … Ressourcen und Möglichkeiten für das eigene Leben bieten…“ kann. „Er kann aber auch Quelle oder Rahmen für die Entstehung von Problem- beziehungsweise Konfliktstellungen sein. Somit stellt der Sozialraum eine Erweiterung zum Verständnis der Lebenswelt aller Personen in Romanshorn dar, mit allen seinen Chancen und Schwierigkeiten“.

Wenn wir eingeladen werden, unsere Geschichte zu Raum zu schreiben, fällt uns auf den ersten Blick oft weniger auf, wie beengte, eingeschränkte oder isolierte Räume auf Menschen wirken, vielleicht deshalb, weil wir den Raum um uns herum derart alltäglich empfinden, dass wir nur darüber nachdenken, wenn unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird – vielleicht auch deshalb, weil wir in unserer Kultur in der Regel mit durchschnittlichen Möglichkeiten der Lebensgestaltung den Raum nach unseren Bedürfnissen, Möglichkeiten aussuchen, verändern können, weil wir „mobil“ sein können.

In der täglichen Arbeit aber mit Menschen, die über eingeschränkte Möglichkeiten der Auswahl, der Gestaltung und Reflexion ihres Raumes haben, braucht es anwaltschaftliches gemeinsames Gestalten von Räumen. Das Betula, vertreten hier durch Ivo Reich,  hat sich als oberstes Ziel der täglichen Arbeit zur Aufgabe gemacht, zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern an der Integration in ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu arbeiten, Vernetzungen und Begegnungen im Umfeld der Bewohner und Bewohnerinnen zu ermöglichen, um eine bestmögliche Teilhabe an einem normalen Alltag zu schaffen. Diese Aufgabe ist nie fertig, Bedürfnisse und Lebensumstände entwickeln sich. Die verschiedenen Gesichter des Raums damit immer wieder in Verbindung zu bringen, ist eine spannende immerwährende Herausforderung!

Dazu habe ich ein Bilderbuch in reger Erinnerung: die Geschichte von Serafin und seiner Wundermaschine – eine wunderschöne Geschichte mit wunderschönen Bildern, die unsere Kinder sehr geliebt haben: hier nur stellvertretend eine kleine Episode:

Serafin arbeite als Knipser in der Pariser Metro; „Anfangs machte der Beruf Serafin Freude. Es war lustig, die Züge vorbei fahren zu sehen. Alle drei Minuten  in der Hauptverkehrszeit, alle acht Minuten bei normalem, alle  fünfzehn Minuten bei schwachem Verkehr. Doch eines Tages, ohne zu wissen warum, fand Serafin alles traurig: die Leute, die Waggons und die Station. Was tun? Selber traurig werden? Unmöglich. Serafin war schon immer ein Optimist. Er holte einfach Blumen und schmückte sein Knipserhäuschen damit. Das war hübsch und duftete herrlich; es war, als sei die Sonne plötzlich bis zu ihm hinunter gedrungen. Aber niemand schien die Veränderung bemerkt zu haben. Die Benutzer der Untergrundbahn sehen nämlich immer zu Boden! Niemand? Ausser einem: der Stationsvorsteher  hielt die Augen offen. ‚Noch einmal so eine eigenmächtige Handlung, Herr Serafin, und ich melde Sie dem Chef der Untergrundbahn!‘ “

Rosmarie Arnold, Dozentin FHS

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