Sozialpädagoge in Ausbildung im Blickfeld einer Ausbildnerin 18 | 52

Woche 18: Ivo Reich blickt zurück auf das Gruppen-Wochenendlager in Innsbruck.

Ivo erzählt, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner sich ihr Wochenenende in Innsbruck mit dem Stutzabend selber verdient haben.

Bereits diese Art der Vorbereitung einer Gruppenaktivität – hier des gemeinsamen Wochenendlagers in Innsbruck –  beinhaltet verschiedene Aspekte gruppenpädagogischen, lebensweltorientierten und lösungsorientierten Vorgehens.

Diese Aspekte des Betula – Leitbildes wirken dabei sichtbar mit:

„Mit fachkundiger Unterstützung und einem reflektierten Fördern und Fordern stärken wir die individuellen Fähigkeiten der/des Einzelnen und ihr/sein selbstständiges und verantwortliches Handeln.“

Fachkundig wurde die Gruppe unterstützt, indem die Bewohner/innen angeleitet wurden, ihre individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen, um eine gemeinsame Aktivität zu erleben: sie haben die Gemeinsamkeit schon erlebt, indem sie zusammen Geld verdient haben, um sich das Erlebnis auch leisten zu können. Dies ist eine sehr alltagsnahe und „normale“ Art des sich Leistens von Auszeiten aus dem Alltag, und entspricht dem Betula-Prinzip, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt sind und, wie alle Menschen, ihr Leben selbst bestimmen und selbstverantwortlich gestalten können sollen.

Als lösungsorientiert kann diese Wochenend-Aktivität in verschiedener Hinsicht bezeichnet werden: Wenn das „Problem“ darin besteht, dass Menschen mit Behinderung im Alltag Beschränkungen erleben, die mit der Behinderung selber keinen direkten Zusammenhang haben, kann die (ressourcenorientierte) Lösung in diesem Fall heissen: wir machen mit unseren Bewohner/innen etwas ganz „Normales“, Alltägliches: wir leisten uns etwas Besonderes, wir verdienen dafür die notwendigen Ressourcen, wir beweisen uns und der Umwelt, dass wir dazu fähig sind.

Als lebensweltlich orientiert kann dieses Wochenende in Innsbruck bezeichnet werden, weil:

  • Erfahrene Wirklichkeit der Lebenswelt sich gliedert in unterschiedliche Lebensräume und Lebensfelder, mit verschiedenen Funktionen und Inhalten, die sich im Alltag durchwirken, gegenseitig bedingen und überlagern, hier zum Beispiel: das Betula, die Wohngruppe, der Ort Romanshorn, und die Reise nach Innsbruck, usw.
  • Alltagsnähe,  die Erreichbarkeit und Niedrigschwelligkeit von Angeboten meint: Hilfestellungen und Unterstützung der anvertrauten Menschen sollen „ganzheitlich“, den ineinander verwobenen Lebenserfahrungen und – deutungen des Alltags gerecht werden. Dazu braucht es Fachpersonen.
  • Prävention ein wichtiger Aspekt der Lebensweltorientierung ist – Prävention verstanden als Gestaltung der Lebenswelt, welche nicht erst dann einsetzt, wenn Schwierigkeiten sich dramatisieren und verhärten.
  • Dezentralisierung und Vernetzung von konkreten lokalen und regionalen  Strukturen wichtig ist, um räumliche Barrieren zu überwinden. Die Gruppe reist gemeinsam nach Innsbruck.
  • Partizipation sich in vielfältigen Formen von Beteiligung und Mitbestimmung realisiert: Partizipation war bei diesem Event bei der Planung, der Durchführung und der Auswertung ein Schlüsselmoment, wie Ivo Reich uns das eindrücklich nahe bringt.

Ausgehend von diesen Aspekten von Lebenswelt und Alltag bilden die Beziehungen, d.h. der realitäts- und lösungsorientierte Umgang zwischen Bewohner/innen und Mitarbeitenden die Ausgangslage und den Kern für das Zusammenleben. Diese Beziehung ist geprägt von Respekt und Takt, aber auch von wohlwollend-kritischer Provokation im Zielhorizont eines „gelingenderen Alltags“

Dieser Respekt vor individuellen Lebensentwürfen anderer Menschen und deren Akzeptanz erschweren eine Standardisierung der Arbeitsabläufe in der sozialen Arbeit. Diese mangelnde Standardisierbarkeit, welche einerseits ja genau das Spannende eines immer wieder überraschenden Lebensalltags ausmacht, hat aber auch wie schon in früheren Beiträgen genannte Problematik, dass der Begriff Lebenswelt und Lösungsorientierung oft inflationär und verharmlosend eingesetzt wird. Daher wird von den Fachkräften ein hohes Maß an kritisch-reflexiver Bewertung ihrer Arbeit und ihrer Rolle in der Lebenswelt der Betroffenen erwartet.

Als gruppenpädagogisch orientiert kann dieses Wochenende in Innsbruck bezeichnet werden, weil das gemeinsame Tun schon von Beginn an im Vordergrund stand:  alle zusammen haben schon beim Erarbeiten der Ressourcen zusammen gearbeitet, sie sind miteinander auf diese Reise gegangen, haben die Aktivitäten zusammen erlebt und genossen. Ivo Reich betont, dass sie während 24 Stunden zusammen waren, die Gruppendynamik in grosser Nähe erlebt hätten, dass eine sehr gute Stimmung dabei entstanden sei. Es sei intensiver gewesen als im Kanulager, die Sprache, das Austauschen, sei von grösserer Bedeutung gewesen.

Mit der Brille der Gruppenpädagogik betrachtet, geht es darum, dass Lernprozesse in der kleinen, überschaubaren Gruppe stattfinden, und dass die Möglichkeiten des (erzieherischen) Zusammenwirkens als Ressource für persönliche Entwicklungen, aber auch für die Entwicklung der Gruppe genutzt werden.

Ziel dabei ist, die sozialisierende Funktion der Gruppe systematisch-pädagogisch zu nutzen und neue Formen der Interaktion zu erproben mit dem Ziel, mündiges, eigenaktives und eigenverantwortliches Handeln zu fördern. Deshalb ist, wie Ivo betont, die Sprache ja auch ein so wichtiges Medium. Wo die verbale Ausdrucksmöglichkeit fehlt oder eingeschränkt ist, müssen andere Wege der nonverbalen Kommunikation gesucht werden.

Bis in die jüngste Zeit wurde Lernen als ein weitgehend individueller Aneignungsprozess verstanden. Diese Perspektive vernachlässigt die Aspekte des komplexen individuellen Zugangs von Menschen, allen voran Motivation und biografische Hintergründe, welche die Lernbereitschaft in hohem Masse steuern. Das subjektive Verhalten ist deshalb immer auch Ergebnis der Umstände des eigenen Lebensraumes.

Geissler (1975) nennt fünf gruppenpädagogische Prinzipien, die sich an den Möglichkeiten  und Interventionsangeboten von Gruppenmitgliedern orientieren und damit an einer gemeinsamen pädagogischen Situationsgestaltung  beteiligt sind:

Partizipation:  es geht um weitgehende Mitbestimmung aller an Lehr- und Lernprozessen Beteiligten bei der Planung und Durchführung von Aktionen

Prinzip der „Revisionsbedürftigkeit“: es geht dabei um die grundsätzliche Möglichkeit  zur Überprüfung und Veränderung von Prozessen, dafür braucht es Fachwissen und Können und eine reflexive Haltung

Prinzip der Konkretisierungsbedürftigkeit: es geht dabei um die Notwendigkeit, für Lehr- und Lernentscheidungen Platz zu lassen (nicht alles zu „verplanen“) um Prozessen genügend Raum zu geben

Prinzip der Situationsbezogenheit: es geht dabei um die Orientierung an methodischen Ansätzen und die Entscheidungen für bestimmte Lehr- Lernsituationen – hier um den Entscheid der Reise nach Innsbruck und die verschiedene Möglichkeiten von Erlebnissen, z.B. Stahlseil-Gleiten, Sommerrodeln

Prinzip der Integration von Inhalt und Beziehung: es geht dabei um die Orientierung an der Sache (was machen wir; wie und womit machen wir’s, was ist unser Auftrag?), und an individuellen und kollektiven Bedürfnissen (wie geht es uns als Gruppe dabei? Was sind die einzelnen Ansprüche, Erwartungen, Motivationen, wie geht es mir dabei? etc.)

Aufpassen beim gruppenpädagogischen Fokus muss man darauf, die sozialisierende Funktion der Gruppe nicht überzubewerten bzw. sogar zu idealisieren. Deshalb auch hier wieder: von den Fachkräften wird ein hohes Maß an kritisch-reflexiver Bewertung ihrer Arbeit und ihrer Rolle in der Lebenswelt der Betroffenen erwartet.

Soviel und noch viel mehr

Gibt ein Wochenende in Innsbruck her…

Rosmarie Arnold, Dozentin FHS

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