Wochen 44: 44/52: Sozialraumorientierung in der Praxis. Eine Annäherung. Christian Brönimann erklärt Ivo Reich wie sich das Betula im Sozialraum Romanshorn orientiert.
Zur Frage, was unter sozialraumorientiertem Arbeiten verstanden wird, betont Christian Brönimann, dass Sozialraumorientierung in verschiedener Hinsicht verstanden werden kann; einerseits das Angebot als solches, das mitten in Romanshorn lebt, und damit bewusst sozialräumlich prominent positioniert ist. Dann betont er den Aspekt der Dezentralisierung am Beispiel der Externatswohnungen. Wichtig ist ihm zu unterstreichen, dass Sozialraum nicht ein bestimmter Ort ist, sondern dass Aspekte von Ort, von Regeln und Beteiligten zusammen wirken. Es geht darum, Begegnungsraum zu schaffen, und einzubeziehen, wie sich Menschen in Räumen bewegen, wie sie Räume füllen.
Dann stellt Ivo die ganz spannende Frage nach der Abgrenzung von Raum zu anderen Orientierungs-Konzepten: Ist es möglich, nicht sozialraumorientiert zu arbeiten?
Daraufhin antwortet ihm Christian, ganz um- fast etwas vorsichtig, dass es selbstverständlich verschiedene Andockstellen zu anderen Ansätzen gäbe, die man einbeziehen muss; vor allem die Schnittstellen zum lösungsorientierten Ansatz seien für‘s Betula wichtig, vor allem dieser Ansatz ist mitzudenken und einzubeziehen.
Mit dieser vorsichtigen Antwort ist Christian in bester Gesellschaft – um nur als Beispiel den Einleitungssatz im „Fieldbook zu Methoden und Techniken der Sozialräumlichen Sozialen Arbeit“ zu nennen: „Nach zehn Jahren sozialraumorientierter Arbeit herrscht in der Fachwelt noch kein Einvernehmen darüber, was Sozialraumorientierung genau ist. Die Anzahl der Sammelbände wächst, zusammenfassende Systematisierungen in Theorie oder Methodik sind dagegen Mangelware. Es ist wie bei allen Trends: wer innovativ wirken will, benutzt das Etikett, ob es passt oder nicht, der Kern des Ansatzes verschwimmt und der wachrüttelnde Impuls verpufft.“ (Früchtel/Budde/Cyprian (2010), Sozialer Raum und Soziale Arbeit, vs Verlag, S.11)
Was sich in der Lehre aus unserer auch schon lange und intensiv geführten Diskussion zu Sozialraum heraus geschält hat, sind dennoch einige Schlüsselthemen, an denen wir weiterarbeiten und die Diskussion weiter entwickeln:
- Räume sind keine absoluten Einheiten, sondern ständig (re)produzierte Netzwerke sozialen Handelns. Raum ist immer das Ergebnis menschlichen Handelns – sozialer Prozesse -Menschen stellen tagtäglich (neue) Räume her – oder etwas einfach ausgedrückt: Sozialraum bezeichnet jeden Raum, in dem sich Menschen bewegen, wo sie wohnen und leben, wo sich aufeinander treffen oder sich aus dem Wege gehen.
- Der Begriff Raum ist wegen dieser Offenheit und Abhängigkeit von Interaktionen im Netzwerk immer ergänzungs- und interpretationsbedürftig im Hinblick auf einen konkreten Kontext. So ist „Sozialraum“ keine theoretische Grösse, sondern Beziehungen im Sozialraumdreieck, welche im Alltag und durch das alltägliche Leben entstehen. Das kann daher sowohl eine Wohnung oder ein Treppenhaus sein, ein Platz oder ein Innenhof, ein Einkaufszentrum, auch „der Coop, eine Bahnhofshalle“, ein Quartier, ein Dorf oder eine ganze Region.
- Um mit dem Ansatz zu arbeiten, müssen Professionelle vor allem die beiden folgenden Prinzipien mitdenken:
- Das Prinzip der Kontextualisierung: Die Diskussion um und mit dem Sozialraum hat uns Professionelle dazu geführt, bzw. fast etwas gezwungen, die professionelle Arbeit nicht nur auf das sogenannte Kerngeschäft, die direkte und fallbezogene Arbeit mit Klient/innen zu konzentrieren, sondern gleichgewichtig die verschiedenen Ebenen des Kontextes mitzudenken – was einen weiteren Kernbereich des professionellen Handelns ausmacht, die sogenannte fallunspezifische, bzw. die fallunabhängige Arbeit in Organisationen.
- Das Prinzip einer Reflexiven (räumlichen) Haltung: Studierende, welche von uns Lehrenden immer gerne die Antwort auf die Frage nach dem richtigen professionellen Handeln hätten, werden von uns jeweils auf eine zentrale professionelle Position verwiesen, nämlich: selber nachzudenken, eigene angemessene Lösungen für die Besonderheit jeder individuellen Konstellation zu finden. Dazu helfen ihnen theoretische Konzepte, welche sie für die Begründung ihres Handelns beiziehen müssen.
Rosmarie Arnold, Dozentin, FHS