Sozialpädagoge in Ausbildung im Blickfeld einer Ausbildnerin 43 | 52

Woche 43: Nachbarschaftgespräche.

Sozialraumorientiert! Lebensraumorientiert! Nachbarschaftsorientiert!

Ivo Reich im Gespräch mit Nachbarn der WG Tilia

„Früher war das alles Garten! Vor 33 Jahren war da noch eine Apotheke“

Die Nachbarschaft einer Organisation darf in ihrer Bedeutung für die Akzeptanz im sozialen Nahraum und in der Öffentlichkeit nie unterschätzt werden!

Die Pflege des nachbarschaftlichen Netzwerkes ist ein wichtiger Aspekt der Pflege des sozialen Netzwerkes. Durch die Einbindung der Menschen ins soziale Netzwerk  wird der Austausch von Erwartungen, Bestätigung, Bildern, immaterieller und auch materieller Unterstützung ermöglicht.

„Ich finde es jeweils schön, wenn sie hier draussen grillieren“

Der Haupteffekt sozialer Netzwerke besteht darin, dass Menschen das Gefühl haben, sozial eingebettet zu sein und mit Hilfe der anderen rechnen zu können – dieses „gefühlte“, aber auch tatsächliche Eingebettet-Sein wirkt sich positiv auf Befindlichkeit und Lebensqualität aus. (vgl. Bullinger/Nowak (1998), Soziale Netzwerkarbeit, S. 104).

Die Pflege von sozialen Netzwerken in Organisationen ist aber nicht gratis; sie erfordert Aufmerksamkeit, Bewusstheit, sowie eine respektvolle und professionelle Grundhaltung. Daneben muss man sich aber immer auch dem Scheitern, bzw. dem Nicht-Eintreffen von Verhaltenserwartungen bewusst sein – weil es ungewiss ist, ob sich die investierte Energie auszahlt. Wenn man aber durchwegs in dieser Weise rechnerisch an das Phänomen des sozialen Austausches im sozialen Nahraum heran gehen würde, hat man falsch kalkuliert –  weil der positive Effekt ja gerade eben das Vertrauen darauf ist, dass man in der Not auf die anderen zählen kann.

„Bezüglich 10 Uhr Nachtruhe kennt der (auf der anderen Seite) keine Grenzen, aber hier hört man gar nichts“

Aufpassen muss man auch auf Überlastung bzw. Überforderung der Netzwerke – deshalb ist auch hier eine realistische Einschätzung dessen, was man durchschnittlich an Gegenseitigkeit erwarten kann, gefordert.

„Es sind körperliche behinderte Menschen; wenn es Kriminelle wären, dann wäre es anders, diese hier sind gut betreut“

Nachbarn sind oft gute (manchmal strenge) Beobachter. Eng verbunden mit der Erwartung gegenseitigen Austausches und gegebenenfalls Unterstützung, ist der als eher ambivalent empfundene Aspekt von Sozialer Kontrolle, den viele Betroffene als Einschränkung ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit erleben, je nach unterschiedlicher Lebenshaltung und – Gestaltung stärker oder schwächer.

 „Die Menschen hier lernen, wie sie alleine leben können“

Mit wenigen, aber gut nachvollziehbaren Sätzen ergänzt Ivo Reich die Beobachtungen der Nachbarn. Er erläutert, dass es im Wesentlichen darum geht, die Menschen in die Selbständigkeit zu begleiten. Diese Ergänzung stösst auf interessierte Ohren: „Es wäre gut, wenn man diese Gespräche, zum Beispiel bei einem Apéro, häufiger, intensiver machen würde. Es muss nicht sein, aber es wäre schon gut.“

Rosmarie Arnold, Dozentin FHS

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